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Designing Away the User Task

Designing Away the User Task – Von der Bedienung zur inhärent sicheren Mensch-Maschine-Interaktion im Lichte der EU-Maschinenverordnung

Abstract

Die Gestaltung technischer Systeme folgt traditionell dem Paradigma, dass der Mensch Aufgaben korrekt ausführen muss, damit das Gesamtsystem sicher funktioniert. Dieses Verständnis prägt bis heute zahlreiche Bedienkonzepte, Schulungsprogramme und Warnhinweise. Moderne Human-Factors-Forschung verfolgt dagegen einen anderen Ansatz: Nicht der Mensch soll sich an die Maschine anpassen, sondern die Maschine soll möglichst viele fehleranfällige Handlungen überflüssig machen. Dieses Gestaltungsprinzip lässt sich als Designing Away the User Task beschreiben. Es bedeutet, dass sicherheits- oder qualitätskritische Benutzerhandlungen nicht optimiert, sondern durch geeignete technische Lösungen eliminiert oder automatisiert werden.

Mit Inkrafttreten der Verordnung (EU) 2023/1230 über Maschinen erhält dieses Prinzip eine neue regulatorische Relevanz. Die Maschinenverordnung fordert erstmals ausdrücklich die Berücksichtigung vernünftigerweise vorhersehbarer Fehlanwendungen, die Gestaltung entsprechend dem Stand der Technik sowie die Reduzierung menschlicher Fehler durch konstruktive Maßnahmen. Der Beitrag zeigt, dass Designing Away the User Task nicht lediglich ein ergonomisches Komfortprinzip darstellt, sondern eine konsequente Umsetzung der europäischen Sicherheitsphilosophie ist.

Einleitung

Technische Innovationen entstehen häufig durch die Einführung neuer Funktionen. Wirklich erfolgreiche Innovationen entstehen dagegen oftmals dadurch, dass Funktionen verschwinden. Besonders deutlich zeigt sich dies bei alltäglichen Interaktionen: Automatische Türen ersetzten das manuelle Öffnen, Antiblockiersysteme übernahmen die optimale Bremskraftregelung und Smartphones synchronisieren Daten heute weitgehend ohne Benutzereingriffe.

Gemeinsam ist diesen Entwicklungen, dass sie den Menschen nicht besser trainieren, sondern ihm fehleranfällige Tätigkeiten vollständig abnehmen.

In der Human-Factors-Forschung entspricht dieses Prinzip der höchsten Ebene ergonomischer Gestaltung: Nicht das Verhalten des Menschen wird optimiert, sondern die Aufgabe selbst verschwindet.

Vom Human Error zum Design Error

James Reason (1990) zeigte bereits, dass menschliche Fehler selten isolierte Ereignisse darstellen. Vielmehr entstehen sie aus einem Zusammenspiel von Systembedingungen, organisatorischen Faktoren und Gestaltungsmängeln.

Aus dieser Perspektive stellt sich eine grundlegende Frage:

Warum existiert eine Handlung überhaupt, wenn ihr fehlerhaftes Ausführen erhebliche Risiken erzeugen kann?

Diese Fragestellung markiert den Unterschied zwischen klassischer Ergonomie und moderner Human Factors.

Der klassische Ansatz lautet:

  • Der Mensch muss richtig handeln.

Der moderne Ansatz lautet:

  • Das System sollte möglichst keine fehleranfälligen Handlungen mehr verlangen.

Damit verschiebt sich der Fokus von der Fehlerminimierung zur Aufgabeneliminierung.

Designing Away the User Task

Der Begriff beschreibt ein Gestaltungsprinzip, bei dem Benutzeraufgaben vollständig entfallen oder in den technischen Prozess integriert werden.

Dabei existieren verschiedene Ebenen:

Automatisierung

Der Benutzer führt die Handlung nicht mehr selbst aus.

Integration

Mehrere Handlungsschritte werden zu einem natürlichen Arbeitsablauf zusammengeführt.

Passive Sicherheit

Das System funktioniert unabhängig vom Benutzerverhalten sicher.

Selbstkonfiguration

Einstellungen erfolgen automatisch anhand der Situation.

Entscheidend ist dabei:

Nicht jede Automatisierung ist gutes Human-Centered Design.

Nur wenn tatsächlich kognitive Belastung, Bedienaufwand und Fehlerrisiken reduziert werden, entsteht ein ergonomischer Mehrwert.

Beispiel: Induktives Laden von E-Bikes

Das induktive Ladesystem von INTIS illustriert dieses Prinzip exemplarisch.

Beim klassischen Laden muss der Benutzer

  • das Ladegerät suchen,
  • anschließen,
  • den richtigen Stecker verwenden,
  • den Ladevorgang überwachen,
  • anschließend wieder trennen.

Jeder dieser Schritte kann vergessen oder fehlerhaft ausgeführt werden.

Beim induktiven System reduziert sich die Benutzeraufgabe auf:

“Fahrrad abstellen.”

Parken, Verriegeln und Laden werden automatisch gekoppelt.

Die eigentliche Ladehandlung verschwindet vollständig.

Psychologisch handelt es sich hierbei nicht lediglich um Komfort, sondern um die Eliminierung einer potentiellen Fehlerquelle.

Zusammenhang mit der Maschinenverordnung

Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 formuliert mehrere Anforderungen, die dieses Gestaltungsprinzip unmittelbar unterstützen.

Bereits in den Allgemeinen Grundsätzen des Anhangs III wird festgelegt, dass Risiken zunächst durch konstruktive Maßnahmen zu beseitigen oder zu minimieren sind.

Erst anschließend dürfen Schutzmaßnahmen und schließlich Benutzerinformationen eingesetzt werden.

Damit folgt die Verordnung der bekannten Hierarchie:

  1. Inhärent sichere Konstruktion
  2. Technische Schutzmaßnahmen
  3. Benutzerinformation

Designing Away the User Task entspricht exakt der ersten Stufe.

Anstatt Warnhinweise zu formulieren oder Schulungen vorzusehen, verschwindet die gefährdende Handlung vollständig.

Besonders relevant ist außerdem die Forderung nach der Berücksichtigung vernünftigerweise vorhersehbarer Fehlanwendungen.

Wenn bekannt ist, dass Benutzer Ladegeräte vergessen, Schutzabdeckungen offenlassen oder Wartungsschritte auslassen, stellt sich aus regulatorischer Sicht zunehmend die Frage:

Kann diese Handlung konstruktiv eliminiert werden?

Ist dies technisch möglich und wirtschaftlich vertretbar, spricht sowohl der Stand der Technik als auch die Maschinenverordnung dafür.

Designing Away als höchste Form der Fehlerprävention

Die Human-Factors-Literatur unterscheidet verschiedene Strategien der Fehlerreduktion:

  • Training
  • Warnhinweise
  • Checklisten
  • Benutzerführung
  • Poka-Yoke
  • Automatisierung
  • Aufgabeneliminierung

Dabei nimmt die Wirksamkeit von unten nach oben zu.

Warnhinweise setzen Aufmerksamkeit voraus.

Checklisten setzen Motivation voraus.

Training setzt Erinnerung voraus.

Aufgabeneliminierung setzt nichts mehr voraus.

Genau deshalb gilt sie als die robusteste Sicherheitsstrategie.

Konsequenzen für KI-Systeme

Mit zunehmender Integration Künstlicher Intelligenz gewinnt dieses Prinzip zusätzlich an Bedeutung.

Viele heutige KI-Systeme erzeugen neue Benutzeraufgaben:

Der Mensch muss

  • Prompts formulieren,
  • Ergebnisse kontrollieren,
  • Halluzinationen erkennen,
  • Unsicherheiten interpretieren,
  • Modelle auswählen.

Human-Centered AI sollte dagegen fragen:

Welche dieser Aufgaben lassen sich vollständig eliminieren?

Statt bessere Prompts zu trainieren, könnte das System den Nutzungskontext automatisch erkennen.

Statt Halluzinationen manuell aufzudecken, könnten Plausibilitätsprüfungen integriert werden.

Statt komplexe Einstellungen vorzunehmen, könnte sich das System selbst konfigurieren.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von Human in the Loop zu Human without unnecessary Tasks.

Diskussion

Das Prinzip Designing Away the User Task erweitert das klassische Verständnis ergonomischer Gestaltung erheblich. Während traditionelle Human-Factors-Ansätze häufig auf eine Optimierung von Bedienoberflächen, Warnhinweisen oder Trainingsmaßnahmen abzielen, stellt dieser Ansatz die Existenz der Benutzeraufgabe selbst infrage. Die zentrale Gestaltungsfrage lautet nicht mehr: „Wie können wir den Menschen befähigen, diese Aufgabe fehlerfrei auszuführen?“, sondern: „Warum muss der Mensch diese Aufgabe überhaupt noch übernehmen?“

Diese Perspektive steht in enger Übereinstimmung mit der Sicherheitsphilosophie der Maschinenverordnung. Die Verordnung fordert ausdrücklich, Risiken vorrangig durch konstruktive Maßnahmen zu beseitigen. Daraus ergibt sich eine neue Rolle für Human Factors: Ergonomie ist nicht länger nur die Gestaltung einer besseren Bedienung, sondern wird zu einem Instrument der inhärent sicheren Konstruktion. Human-Factors-Experten sollten daher bereits in der frühen Konzeptphase systematisch analysieren, welche Benutzerhandlungen technisch entfallen können. Jede eliminierte Handlung reduziert kognitive Belastung, Bedienaufwand und potenzielle Fehlermöglichkeiten.

Fazit

Die EU-Maschinenverordnung markiert einen Paradigmenwechsel von der Reaktion auf menschliche Fehler hin zu deren präventiver Vermeidung durch Gestaltung. Designing Away the User Task verkörpert diesen Wandel in besonderer Weise. Das Ziel besteht nicht darin, Menschen zu perfektionieren, sondern Systeme so zu entwerfen, dass kritische Benutzerhandlungen möglichst gar nicht mehr erforderlich sind.

Damit entwickelt sich Human Factors von einer Disziplin der Bedienoptimierung zu einer Disziplin der Aufgabeneliminierung. Gerade vor dem Hintergrund autonomer Systeme und KI-gestützter Mensch-Maschine-Interaktion dürfte dieses Prinzip in den kommenden Jahren zu einem zentralen Leitgedanken sicherheitskritischer Produktentwicklung werden.

Literatur (APA 7)

International Organization for Standardization. (2019). ISO 12100:2010/Amd 1:2019 Safety of machinery—General principles for design—Risk assessment and risk reduction. ISO.

International Organization for Standardization. (2019). ISO 9241-210:2019 Ergonomics of human-system interaction—Part 210: Human-centred design for interactive systems. ISO.

Reason, J. (1990). Human Error. Cambridge University Press.

Reason, J. (1997). Managing the Risks of Organizational Accidents. Ashgate.

Norman, D. A. (2013). The Design of Everyday Things (Revised and Expanded Edition). Basic Books.

Europäische Union. (2023). Verordnung (EU) 2023/1230 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 14. Juni 2023 über Maschinen. Amtsblatt der Europäischen Union, L 165/1.

Shneiderman, B. (2022). Human-Centered AI. Oxford University Press.


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