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Es werden Posts vom Februar, 2026 angezeigt.

KI: wir werden mehr Psychogramm:innen und weniger Informatiker:innen brauchen

Mit der zunehmenden Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz verschiebt sich der Engpass moderner Arbeits- und Entscheidungssysteme fundamental. Während in frühen Phasen der Digitalisierung vor allem technisches Spezialwissen zur Entwicklung und Implementierung von Software gefragt war, rückt heute zunehmend die Frage in den Vordergrund, wie KI sinnvoll, sicher und verantwortungsvoll in menschliche Arbeits- und Lebenswelten integriert werden kann. Diese Verschiebung ist weniger eine technologische als eine psychologische und organisationale Herausforderung. Aus Sicht der Arbeits- und Organisationspsychologie lässt sich KI als Bestandteil soziotechnischer Systeme verstehen, in denen Technik, Mensch und Organisation untrennbar miteinander verwoben sind. Die Leistungsfähigkeit solcher Systeme wird nicht allein durch die algorithmische Qualität bestimmt, sondern maßgeblich durch menschliche Wahrnehmung, Vertrauen, Kompetenzzuschreibung und Entscheidungsverhalten. Empirische Forschung ...

Gerrymandering als psychologisches Phänomen: Wenn politische Akteure ihre Wählerschaft konstruieren

Gerrymandering bezeichnet die gezielte Manipulation von Wahlkreisgrenzen mit dem Ziel, Wahlergebnisse systematisch zugunsten bestimmter politischer Akteure oder Parteien zu beeinflussen. Während das Phänomen in der Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft vor allem als institutionelles oder verfassungsrechtliches Problem diskutiert wird, eröffnet eine psychologische Perspektive ein tieferes Verständnis seiner Wirksamkeit, Persistenz und demokratischen Sprengkraft. Aus psychologischer Sicht handelt es sich bei Gerrymandering nicht nur um eine formale Verzerrung politischer Repräsentation, sondern um eine subtile Form der Kontextgestaltung, die Wahrnehmung, Motivation, Vertrauen und politisches Verhalten nachhaltig beeinflusst. Kognitionspsychologisch wirkt Gerrymandering primär über die Unsichtbarkeit seiner Mechanismen. Wahlkreiszuschnitte sind für die meisten Bürgerinnen und Bürger abstrakt, technisch und kaum intuitiv nachvollziehbar. Dadurch entziehen sie sich einer spontanen Allt...

„Blaumachen“ oder krank zur Arbeit (Präsentismus)? Eine verkürzte Debatte.

In der wissenschaftlichen Diskussion um „Blaumachen“ (umgangssprachlich: zu Hause bleiben, obwohl man nicht krank ist) wird häufig ein sehr einseitiger Fokus auf Fehlzeiten gesetzt, ohne zugleich das gegenläufige, psychologisch und arbeitsorganisatorisch relevante Phänomen des Präsentismus zu berücksichtigen. Präsentismus bezeichnet das Verhalten von Beschäftigten, trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit zu gehen (oder – im Kontext von Homeoffice – trotz Krankheit weiterzuarbeiten), obwohl sie eigentlich nicht arbeitsfähig sind. Dieses Phänomen ist nicht nur verbreitet, sondern in vielen Kontexten mindestens so häufig wie Abwesenheit aufgrund Krankheit und hat messbare Auswirkungen auf Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und betriebliche Produktivität. Zentrale empirische Befunde aus der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie arbeitsmedizinischen Forschung zeigen, dass Präsentismus kein marginales Randverhalten ist, sondern weit verbreitet und aus mehreren Gründen gut belegt ist:...