Wir müssen andere Menschen wieder aushalten lernen – was sich tun lässt
Teil 2
Populismus, Extremismus, Verschwörungserzählungen und Pseudowissenschaft: was man im Gespräch, vor Publikum und im Betrieb konkret tun kann
Der erste Teil handelte vom Alltag: von der Kollegin, die widerspricht, und vom Mitarbeiter, der stört. Dort ist Aushalten mühsam, aber die Richtung ist klar. Schwieriger wird es, wenn das Gegenüber behauptet, „das Volk“ werde verraten, die Medien seien gesteuert oder die Wissenschaft lüge.
Hier gilt derselbe Grundsatz, nur schärfer: Aushalten gilt der Person, nicht der Behauptung. Die Würde eines Menschen steht nicht zur Diskussion. Seine Aussagen, Belege und politischen Ziele stehen es sehr wohl.
Auch dieser Text hält die Diagnose kurz und fragt, was man tut: am Küchentisch, in der Bürgerversammlung, in der Kantine.
Der Befund in vier Sätzen
Die vier Phänomene werden gern in einen Topf geworfen. Wer wirksam antworten will, muss sie trennen, denn jedes verlangt etwas anderes.
Populismus macht aus Interessen eine Moralfrage. Er stellt ein einheitliches, gutes Volk einer korrupten Elite gegenüber (Mudde, 2004). Aus einem Streit über Interessen wird so ein Streit über Zugehörigkeit und Verrat. Nicht jede scharfe Elitenkritik ist populistisch, und eine berechtigte Beschwerde wird nicht falsch, weil Populisten sie aufgreifen.
Extremismus betrifft Ziele und Mittel. Extreme Ideologien gehen häufiger mit vereinfachenden Weltbildern, übersteigerter Urteilsgewissheit und Intoleranz einher (van Prooijen & Krouwel, 2019). Das beschreibt Tendenzen, keine Diagnose einzelner Wähler. Und ähnliche psychologische Mechanismen bedeuten nicht, dass Bewegungen politisch oder moralisch gleichwertig wären.
Verschwörungserzählungen schützen sich selbst. Ihre Anziehungskraft hängt mit Bedürfnissen nach Erklärung, Kontrolle und einem positiven Selbstbild zusammen (Douglas et al., 2017). Problematisch werden sie, wenn jedes Gegenargument als weiterer Beweis gilt. Reale Absprachen gibt es; sie werden mit Belegen aufgedeckt.
Pseudowissenschaft beansprucht Geltung, ohne den Preis zu zahlen. Sie tritt wissenschaftlich auf, ohne die Standards einzulösen; auch die Leugnung gesicherter Befunde gehört dazu (Hansson, 2017). Eine Minderheitsposition ist deshalb noch keine Pseudowissenschaft. Entscheidend sind Belege, Methode und die Bereitschaft zur Korrektur.
Gemeinsam ist allen vier ein Angebot, das die Forschung zum Handeln in komplexen Lagen gut kennt: Sie machen eine unübersichtliche Welt einfach. Vereinfachung gibt Orientierung und verdeckt zugleich, was man wissen müsste (Dörner & Schaub, 1994). Wer nur die Vereinfachung angreift und die Unübersichtlichkeit zurücklässt, hat wenig angeboten.
Vor dem Gespräch: drei Fragen
Die meisten dieser Gespräche scheitern nicht am Argument, sondern daran, dass niemand weiß, wozu er sie führt. Drei Fragen klären das in einer Minute.
Mit wem spreche ich? Der fest Überzeugte, der Zweifelnde und der Funktionär sind drei verschiedene Gesprächspartner. Den Zweifelnden kann eine gute Frage erreichen. Beim Funktionär spreche ich in Wahrheit mit den Zuhörern.
Was will ich erreichen? Jemanden in einem Gespräch umzustimmen ist selten ein realistisches Ziel. Realistisch sind: verstehen, worum es ihm geht; einen Zweifel hinterlassen; die Beziehung erhalten; den Mithörenden zeigen, dass die Behauptung nicht unwidersprochen bleibt.
Wo ist meine Grenze? Sie sollte vor dem Gespräch feststehen, nicht im Ärger entstehen. Wer vorher weiß, an welchem Punkt er das Thema wechselt oder geht, kann bis dahin gelassener zuhören.
Was im Gespräch hilft
Sechs Handgriffe, jeweils dort angesetzt, wo das Phänomen seine Schwäche hat.
Die Sorge von der Schlussfolgerung trennen. Das Gefühl, politisch übergangen zu werden, lässt sich ernst nehmen, ohne die Erzählung vom verratenen Volk zu übernehmen. „Was genau ist bei Ihnen passiert?“ führt zum Sachverhalt. Die Anschlussfrage „Wer genau ist mit ‚dem Volk‘ gemeint, und wer gehört nicht dazu?“ führt zum Kern der populistischen Konstruktion.
Bei einer Behauptung bleiben. Verschwörungserzählungen leben vom Springen: Kaum ist ein Punkt strittig, kommt der nächste. Die Gegenregel ist schlicht und anstrengend. Eine Behauptung, klar formuliert, und die Belege dafür. Erst wenn sie geklärt ist, kommt die zweite.
Nach dem Prüfmaßstab fragen. „Welche Beobachtung würde dich veranlassen, diese Erklärung zu ändern?“ Die Frage greift niemanden an und zeigt doch, ob eine Überzeugung überhaupt scheitern kann. Sie taugt nur, wenn ich sie auch für meine eigene Position beantworten kann. Eine Überzeugung wird zum Problem, wenn ihre Verteidigung wichtiger wird als ihre Prüfung (Schaub, 2006).
Kriterien nennen statt Etiketten kleben. „Das ist unwissenschaftlich“ beendet das Gespräch. Wirksamer sind benennbare Warnzeichen: Es werden nur passende Einzelbefunde zitiert. Jede unabhängige Prüfung wird abgewertet. An die Stelle von Daten tritt der Rang einer Person. Ein Titel ersetzt keine Untersuchung, eine Mehrheit keine Begründung.
Die richtige Erklärung mitliefern. Fehlinformationen wirken oft weiter, auch nachdem sie korrigiert wurden (Ecker et al., 2022). Ein bloßes „Das stimmt nicht“ hinterlässt eine Lücke, in die die alte Geschichte zurückkehrt. Besser: sagen, was zutrifft, den Fehler der Behauptung konkret benennen und offenlegen, was unsicher bleibt.
„Das weiß ich nicht“ sagen können. Wer jede Wissenslücke überspielt, verliert Glaubwürdigkeit. Das Eingeständnis ist kein Punkt für die Gegenerzählung: Aus einer offenen Frage folgt nicht, dass die alternative Antwort stimmt.
Vor Publikum gelten andere Regeln
Im öffentlichen Raum ist der Gesprächspartner selten der wichtigste Adressat. In der Bürgerversammlung, auf dem Podium, im Kommentarbereich und in der Betriebsversammlung hören Menschen zu, die noch unentschieden sind.
Widersprechen lohnt sich. In Experimenten zur öffentlichen Auseinandersetzung mit Wissenschaftsleugnung verringerte Widerspruch deren Einfluss auf das Publikum, sowohl durch sachliche Richtigstellung als auch durch das Offenlegen der verwendeten Argumentationstechnik; Hinweise auf einen generellen Bumerangeffekt fanden sich nicht (Schmid & Betsch, 2019). Das überzeugt nicht jeden Überzeugten. Es spricht aber klar gegen die Empfehlung, Falschbehauptungen grundsätzlich stehen zu lassen.
Die Technik benennen. „Sie haben jetzt in zwei Minuten fünf Vorwürfe erhoben. Ich bleibe beim ersten.“ Oder: „Sie zitieren eine Studie und lassen vierzig andere weg.“ Solche Sätze helfen den Zuhörern auch beim nächsten Mal, wenn niemand widerspricht.
Achtung ist nicht Ausgewogenheit. Gleiche Achtung vor Personen und gleiche Beweiskraft ihrer Aussagen sind verschiedene Dinge. Wer moderiert, schuldet jedem Redner Fairness, aber keiner widerlegten Behauptung den Status einer gleichwertigen Alternative.
Moderation ist eine Führungsaufgabe. Ein Beispiel: In einer kommunalen Versammlung behauptet jemand, alle örtlichen Medien würden von einer geheimen Gruppe gesteuert. Eine tragfähige Antwort lautet: „Über konkrete Fehler oder Abhängigkeiten sprechen wir gern. Für eine gemeinsame Steuerung brauchen wir überprüfbare Belege. Welche liegen vor?“ Die Moderation bleibt bei dieser einen Behauptung. Kippt die Debatte in antisemitische Zuschreibungen, Drohungen oder Erniedrigung, wird die Grenze gesetzt und werden Betroffene geschützt.
Was Führungskräfte und Organisationen tun können
Betriebe, Behörden und Vereine sind keine politikfreien Räume, aber auch keine Arenen. Ihre Aufgabe ist begrenzt und gerade deshalb lösbar.
Verhalten regeln, nicht Gesinnung. Eine Führungskraft ist nicht zuständig für das Weltbild ihrer Mitarbeiter. Sie ist zuständig dafür, dass niemand im Betrieb herabgesetzt, eingeschüchtert oder ausgegrenzt wird. Der Maßstab ist das konkrete Verhalten und seine Folge für Kollegen und Arbeit. Er gilt für jedes politische Lager, auch für das eigene.
Betroffene nicht allein lassen. Wer zum Ziel abwertender Äußerungen wird, soll das nicht selbst aushalten und selbst klären müssen. Hier ist das Eingreifen Führungsaufgabe, und zwar sichtbar. Schweigen der Vorgesetzten wird als Billigung gelesen.
Belegstandards für Entscheidungen festlegen. Pseudowissenschaft wird im Betrieb dann teuer, wenn sie in Entscheidungen einsickert: bei Sicherheit, Gesundheit, Personalauswahl. Eine Organisation kann vorab festlegen, welche Art von Beleg eine Maßnahme braucht. Dann wird nicht über Personen gestritten, sondern über die Frage, ob der Standard erfüllt ist.
Zugehörigkeit ernst nehmen. Ein Modell der Radikalisierung beschreibt das Zusammenspiel von Suche nach persönlicher Bedeutsamkeit, einer rechtfertigenden Ideologie und einem Umfeld, das sie bestätigt (Kruglanski et al., 2014). Daraus folgt weder, dass jeder Unzufriedene gefährdet ist, noch ein geprüftes betriebliches Programm. Plausibel ist aber: Wer Menschen dauerhaft das Gefühl gibt, nicht zu zählen, überlässt das Angebot von Bedeutung anderen.
Schwierige Formate nicht improvisieren. Eine Betriebsversammlung nach einem Vorfall oder ein Bürgerdialog zu einem strittigen Vorhaben braucht vorher geklärte Regeln, eine Moderation ohne eigene Partei und einen Plan für den Moment, in dem jemand die Grenze überschreitet. Das ist Handwerk, und es lässt sich vorbereiten.
Wo das Gespräch endet
Gesprächsbereitschaft ist keine Pflicht zur Selbstaufgabe. Es gibt keine moralische Schuldigkeit, sich für Beschimpfung, Einschüchterung oder Propaganda zur Verfügung zu stellen. Ein Gespräch zu beenden ist mit einer toleranten Haltung vereinbar, wenn die Begründung im Verhalten liegt und nicht in der bloßen Fremdheit des anderen.
| Was liegt vor? | Was ist zu tun? |
|---|---|
| Harte, aber demokratisch legitime Forderung | Streiten, Sachverhalt und Lösungsvorschlag prüfen |
| Unbelegte oder widerlegte Behauptung | Eine Behauptung herausgreifen, Belege verlangen, richtige Erklärung anbieten |
| Behauptung, die sich gegen jede Prüfung abschirmt | Das Fehlen eines Prüfmaßstabs benennen, Thema begrenzen, Beziehung nicht opfern |
| Abwertung von Menschen, Legitimation von Einschüchterung oder Gewalt | Inhalt ausdrücklich benennen, widersprechen, Betroffene schützen, Gespräch beenden |
Die Abstufung ist ein Handlungsrahmen aus der Praxis, kein empirisch geprüftes Programm. Zwei Folgerungen gehören dazu. Gesprächsbereitschaft gegenüber einem Menschen verpflichtet nicht zur Zusammenarbeit mit seiner Partei und nicht dazu, deren Vertreter als Experten für alles zu behandeln. Und die Kritik an einer Partei rechtfertigt keine pauschale Entwürdigung ihrer Wähler.
Was erfahrungsgemäß nicht hilft
- Die Ferndiagnose. „Die haben doch nur Angst“ erklärt Überzeugungen zu Symptomen. Menschen vertreten Positionen auch aus Interesse, Kalkül und gefestigten Werten. Sie verdienen eine Antwort auf ihre Argumente.
- Der Spott. Er unterhält die eigene Seite und bestätigt der anderen, dass man sie verachtet. Genau davon erzählt die populistische Geschichte.
- Die Faktenflut. Zwanzig Gegenbelege auf einmal wirken wie ein Angriff und werden auch so behandelt. Ein Punkt, sauber geklärt, leistet mehr.
- Die falsche Ausgewogenheit. Wer eine widerlegte Behauptung „der Fairness halber“ gleichberechtigt neben den Forschungsstand stellt, hat sie aufgewertet.
- Das Schweigen. Es fühlt sich wie Deeskalation an. Für die Zuhörer sieht es aus wie Zustimmung.
Klein anfangen, auch hier
Niemand muss die Polarisierung der Gesellschaft lösen. Es genügt, im nächsten dieser Gespräche eine Sache anders zu machen: bei einer Behauptung bleiben, nach dem Prüfmaßstab fragen, die Sorge hören und der Schlussfolgerung widersprechen.
Aushalten heißt in diesem Feld dreierlei: die eigene Irritation ertragen, Behauptungen prüfen und Grenzen begründet vertreten. Das erste schützt vor der vorschnellen Abwertung, das zweite vor der Beliebigkeit, das dritte vor der Feigheit.
Eine demokratische Streitkultur braucht Menschen, die alle drei beherrschen. Sie wird nicht in Leitartikeln eingeübt, sondern in Versammlungen, Teams und Familien, von Menschen, die es dort vormachen.
Literatur
Dörner, D., & Schaub, H. (1994). Errors in planning and decision-making and the nature of human information processing. Applied Psychology, 43(4), 433–453. https://doi.org/10.1111/j.1464-0597.1994.tb00839.x
Douglas, K. M., Sutton, R. M., & Cichocka, A. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current Directions in Psychological Science, 26(6), 538–542. https://doi.org/10.1177/0963721417718261
Ecker, U. K. H., Lewandowsky, S., Cook, J., Schmid, P., Fazio, L. K., Brashier, N., Kendeou, P., Vraga, E. K., & Amazeen, M. A. (2022). The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29. https://doi.org/10.1038/s44159-021-00006-y
Hansson, S. O. (2017). Science denial as a form of pseudoscience. Studies in History and Philosophy of Science Part A, 63, 39–47. https://doi.org/10.1016/j.shpsa.2017.05.002
Kruglanski, A. W., Gelfand, M. J., Bélanger, J. J., Sheveland, A., Hetiarachchi, M., & Gunaratna, R. (2014). The psychology of radicalization and deradicalization: How significance quest impacts violent extremism. Political Psychology, 35(S1), 69–93. https://doi.org/10.1111/pops.12163
Mudde, C. (2004). The populist zeitgeist. Government and Opposition, 39(4), 541–563. https://doi.org/10.1111/j.1477-7053.2004.00135.x
Schaub, H. (2006). Störungen und Fehler beim Denken und Problemlösen. In J. Funke (Hrsg.), Denken und Problemlösen (Enzyklopädie der Psychologie, Themenbereich C, Serie II, Bd. 8, S. 447–482). Hogrefe.
Schmid, P., & Betsch, C. (2019). Effective strategies for rebutting science denialism in public discussions. Nature Human Behaviour, 3(9), 931–939. https://doi.org/10.1038/s41562-019-0632-4
van Prooijen, J.-W., & Krouwel, A. P. M. (2019). Psychological features of extreme political ideologies. Current Directions in Psychological Science, 28(2), 159–163. https://doi.org/10.1177/0963721418817755